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Verpassen wir wirklich den Anschluss bei der Digitalisierung?

„Verpassen wir wirklich den Anschluss bei der Digitalisierung?“ Ein Interview der Niederrheinischen IHK mit Professor Dr. Tobias Kollmann. Er ist Beauftragter für die Digitale Wirtschaft in NRW.

Prof. Dr. Tobias Kollmann ©MWEIMH/Ralph Sondermann

Prof. Dr. Tobias Kollmann
©MWEIMH/Ralph Sondermann

Beim  Stichwort  „Innovation“ denkt man gemeinhin an neue Produkte oder verbesserte technische Prozesse – am Ende entscheidet aber der Markterfolg darüber, was eine  Innovation  ist. Was müssen Unternehmen in der heutigen Zeit bedenken, wenn sie tragfähige Geschäftsmodelle  entwickeln wollen?

Sie müssen für sich folgende Frage beantworten: Welches Problem kann mithilfe elektronischer Geschäftsprozesse in der eigenen Branche besser gelöst werden als mit bereits bekannten realen und/oder elektronischen Lösungen, und sind die Kunden bereit, für eine solche Problemlösung von Anfang an zu bezahlen? Die Antwort ist dann vielleicht die nächste digitale Innovation oder das erste eigene digitale Geschäftsmodell.

Die Vernetzung aller Dinge, „Internet of Things“, ist ein aktuelles Schlagwort und es wird gerne behauptet, Deutschland verpasse gerade den Anschluss bei der Digitalisierung der Wirtschaft. Ist das wirklich so?

Wir werden den Anschluss verpassen, wenn wir uns nur auf die technischen Aspekte der Digitalisierung konzentrieren und meinen, dass der digitale Wandel mit einem Knopfdruck im IT- oder EDV-System bewältigt wird. Viel wichtiger ist nämlich der „Digitale Kopf“mit dem zugehörigen Know-how, der das Wissen rund um digitale Geschäftsmodelle und -prozesse so einsetzt, dass man die Nachfrage im Netz für sich gewinnen kann. Wer nur Daten über ein „Internet der Dinge“ z. B. mit Sensoren in seinen Produkten erfasst, ohne aber auch ein zugehöriges Geschäftsmodell im Hinblick auf die Datenverwendung aufzubauen, wird das eigentliche digitale Potenzial nicht heben.

Ein Unternehmen wie Google baut mittlerweile Autos. Ist die lineare Wertschöpfung noch zukunftsfähig? Sind die Geschäftsmodelle klassischer Unternehmen im produzierenden Gewerbe durch IT-Unternehmen in Gefahr?

Ja! In Zukunft wird man vielleicht nicht mehr fragen, welche Marke ein Auto hat, sondern mit welchem Betriebssystem es unterwegs ist. Die digitalen Serviceleistungen rund um reale Produkte werden immer wichtiger und der daraus resultierende elektronische Mehrwert wird die Kaufentscheidung wesentlich beeinflussen. Auch Herr Zetsche musste unlängst zugeben, dass man den Entwicklungsprozess von Google und Apple im Automobilbau unterschätzt hat.

Wie können eigentlich kleine und mittlere Unternehmen vom Thema Digitalisierung profitieren? Welche Megatrends sind mit der Digitalisierung verbunden?

Weltweit wachsen über digitale Netzwerke ist der Schlüssel für den Mittelstand. Die Chancen eines digitalen Wandels kann man am Besten für sich nutzen, wenn man über neue überregionale und internationale Vertriebswege im Netz auch mehr Umsatz für sich gewinnt. Aktivität schlägt hier die Passivität und wer nicht digital mitspielt, wird in Zukunft gar nicht mehr mitspielen.

Welche digitalen Kompetenzen müssen Chefs und Mitarbeiter haben, um von den weiteren digitalen Transformationsprozessen zu profitieren?

Das Wissen rund um digitale Geschäftsmodelle und -prozesse ist leider noch nicht weit verbreitet in den Unternehmen. Die Ausbildungssysteme haben das Thema Digitalisierung nicht ausreichend integriert und in der betrieblichen Weiterbildung wird ebenfalls nicht ausreichend darauf eingegangen. Wir selbst haben auf diesen Bedarf reagiert und bieten über die Universität Duisburg-Essen einen Zertifikatskurs zum „E-Business-Manager“ als Fernstudium für die berufsbegleitende Weiterbildung an.

Welche Rahmenbedingungen muss die Politik setzen, damit in Deutschland digitale Innovationen und neue Geschäftsmodelle entstehen können?

Eine konsequente Startup-Förderung ist hier sicherlich ein wesentlicher Faktor. Das bezieht sich zum einen auf die Bildungspolitik, wo wir dringend mehr Lehrstühle für E-Entrepreneurship an den Hochschulen in der Schnittstelle von BWL, Wirtschaftsinformatik und Informatik brauchen. Genau hier ist die Hauptquelle für neue Startup-Ideen für die Digitale Wirtschaft. Das bezieht sich zum anderen auf die Finanzpolitik, wo wir steuerliche Anreize brauchen, damit privates Kapital in Startups und nicht in Immobilien investiert wird. Eine Übernahme des Enterprise Investment Scheme aus Großbritannien wäre hierfür ein Ansatz. Aber auch in der Wirtschaftspolitik gibt es viele Möglichkeiten z. B. mit der Förderung von Hub- oder Inkubator-Strukturen für die Zusammenführung von Startups, Mittelstand und Industrie zur gemeinsamen Innovationsentwicklung in diesem Bereich. Ein Weg, den wir mit DWNRW aktuell besonders intensiv verfolgen, denn noch in diesem Jahr sollen fünf solcher Hubs in unserem Land entstehen.

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