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Das Silicon Valley nicht unterschätzen

Interview der IHK Mittlerer Niederrhein mit Rene van den Hoevel, Leiter der Auslandshandelskammer USA – San Francisco, über Industrie 4.0, den deutschen Mittelstand und Zukunftsszenarien.

Wie groß ist der Einfluss des Silicon Valley?
Das berühmte Tal rund um Palo Alto und der Stanford-Universität gilt seit Jahrzehnten als IT- und Software-Hochburg der Welt. Firmen wie Cisco, Oracle, Yahoo, Apple und Google sind hier gegründet worden und zu globalen Großunternehmen geworden. Der Einfluss dieser Firmen wird in Zukunft durch eine neue, eine digitale Revolution weiter zunehmen. Softwareprogramme und IT-Lösungen halten immer mehr Einzug in unterschiedliche Bereiche des Alltags.

Was treibt die Entwicklung voran?
Treiber der digitalen Revolution ist das „Internet of Things“, ein Ökosystem von intelligenten Geräten, die mit der Umgebung, Nutzern und sich selbst interagieren, Daten sammeln und mit diesen einen Mehrwert schaffen. Experten sagen voraus, dass von aktuell sechs Milliarden Geräten bis 2020 mehr als 25 Milliarden „Dinge“ weltweit miteinander verbunden werden. Ein Beispiel ist die Firma Nest, die intelligente Thermostate vertreibt, welche die Raumtemperatur auch bestimmen, wenn man mal nicht zuhause ist, um so Energie zu sparen. Steuern kann man das Gerät mit dem eigenen Smartphone. Nest wurde vor einigen Jahren für 3,2 Milliarden Dollar von Google gekauft. In fast allen Bereichen des „Internet of Things“ wird viel Geld investiert, und neue Firmen werden fast täglich gegründet. Treibstoff des Wachstums ist die Erfassung und schnelle Auswertung der Daten. Was vor Jahren noch Tage dauerte, geschieht heutzutage in Sekunden.

Wo steht die deutsche Wirtschaft beim „Internet of Things“?
Deutsche Firmen nehmen an dieser Entwicklung kaum teil. Die deutschen Autobauer sind an der Westküste präsent und entwickeln im Silicon Valley das vernetzte Auto, und einige Firmen haben die Bereiche IT-Security und Big Data für sich entdeckt. Die klassische deutsche Industrie sieht man allerdings an der Westküste der USA noch selten. Der deutsche Mittelstand aus dem Bereich Maschinen- und Anlagenbau hat bisher kaum Berührungspunkte zum Silicon Valley und seinen Entwicklungen. Das hängt auch damit zusammen, dass die dort entwickelten Lösungen oftmals nur den Konsumgütermarkt betrafen. Das könnte sich jedoch rasant ändern.

Mit welchen Trends rechnen Sie?
Bis jetzt liegt der Fokus der IT-Entwicklungen auf den Bereichen Telekommunikation, Werbung, Entertainment und Gesundheit. Verantwortlich für zwei Drittel des globalen Bruttosozialproduktes sind jedoch die Sektoren verarbeitende Industrie, Energie, Agrarwirtschaft, Transport und andere industrielle Bereiche. Diese Bereiche wurden von der digitalen Entwicklung aktuell eher vernachlässigt. Der Markt rund um die Industrieproduktion hat ein geschätztes Volumen von 11 Billionen US-Dollar. Daher wird das „Industrial Internet of Things“ wohl der neue Megatrend der nächsten Jahre. In Deutschland hat man die Relevanz des Themas schon früh erkannt und eine Vielzahl von Initiativen unter dem Begriff Industrie 4.0 zusammengefasst.

Wie können Industrieunternehmen von der Digitalisierung profitieren?
Die industrielle Produktion stellt das Rückgrat der deutschen Wirtschaft dar und wird durch diese neue Entwicklung einen Paradigmenwechsel durchlaufen. Daran, dass diese neue industrielle Revolution kommen wird, zweifelt kaum einer, auch nicht, dass die Bedeutung der Softwarekomponente zunehmen wird. Genau hier wird das Silicon Valley eine entscheidende Rolle spielen. Während Deutschland seine Stärken in der Produktion und im Engineering hat, liegen die Stärken des Silicon Valleys in der Software und der IT.

Beispielsweise hat General Electric – kurz GE – die Zeichen der Zeit schon früh erkannt. Als eines der größten Unternehmen in den USA verkauft die Firma Ausrüstung und Maschinen an die Industrie. Das lukrativste Geschäft ist die Wartung dieses Equipments – genau dieser Bereich wird von Softwarefirmen bedroht. Maschinen erfassen durch ihre Sensoren schon heutzutage enorme Informationsmengen, die jedoch kaum genutzt werden. Sie können allerdings wichtige Hinweise liefern, um zum Beispiel teuren Reparaturen vorzubeugen. Schon 2012 ergriff GE-CEO Jeffrey Immel daher umfangreiche Maßnahmen und startete eine Kampagne zum Thema Industrial Internet. Man eröffnete ein Forschungslabor im Silicon Valley mit aktuell über 1.400 Mitarbeitern, darunter hauptsächlich Softwareingenieure. GE soll immer mehr zu einem Softwareunternehmen umgewandelt werden.

Aber wie sieht die Produktion der Zukunft aus und mit welchen Chancen und Risiken muss man rechnen?
Die Fabrik der Zukunft soll eine „Smart Factory“ sein, in der sich alle Produkte zu jedem Zeitpunkt nachverfolgen lassen. Dafür müssen komplexe Systeme und Maschinen mit Hilfe von Sensoren und Software vernetzt werden. Produkte könnten dann individueller produziert werden, die Produktvarianten nehmen zu, und die Lagerhaltung nimmt ab.

Die Visionäre an der Westküste der USA gehen noch einen Schritt weiter und träumen von einer Welt, in der die klassische Fertigung kaum noch eine Bedeutung hat. Maschinen werden intelligent und können ständig neue Funktionen und Tätigkeiten lernen und durchführen. Warum in eine Fabrik investieren, wenn diese nur zu 80 Prozent ausgelastet ist und ungenutztes Kapital bindet? Apple betreibt schon heutzutage keine eigenen Fabriken mehr und investiert lieber in neue Geschäftsfelder oder stellt zusätzliche Ingenieure ein, um noch bessere Produkte zu entwickeln. Wer diese baut, spielt letztlich keine große Rolle. Die „Smart Factory“ der Zukunft kann einen Audi und danach direkt einen Tesla produzieren. Die Fabrik ist durchgängig vertikal und horizontal vernetzt, die ganze Lieferkette kommuniziert automatisch miteinander und der Audi-Rückspiegel liegt zum richtigen Zeitpunkt neben dem Tesla-Spiegel.

Zugriff auf solche Fabriken hätten in Zukunft nicht nur eine Firma, sondern die gesamte Volkswirtschaft – auch Privatpersonen. Diese könnten dann Produkte an ihrem heimischen PC entwickeln und in der Fabrik der Zukunft produzieren. Prototypen entstehen natürlich kostensparend am 3D-Drucker. Die Produktion wird zu einer Dienstleistung.

Bis ein solches Szenario zur Realität wird, wird es noch einige Jahre dauern – wenn es überhaupt jemals so weit kommt. Dass sich jedoch die industrielle Automation und deren Prozesse stark ändern werden, ist klar. In Zukunft wird mehr Venture-Kapital in den Industrial-Internet-Bereich fließen. Mehr Geld wird es Start-ups ermöglichen, neue Ideen umzusetzen.

Von dieser Entwicklung werden nicht alle profitieren. Oder?
Aus jeder „Revolution“ gehen Gewinner und Verlierer hervor. Hoffentlich erkennt der deutsche Mittelstand, welche Chancen Industrie 4.0 bietet, und hoffentlich unterschätzt er das Silicon Valley nicht. US-Start-ups suchen immer nach Pilotprojekten, um ihre Produkte frühzeitig zu testen. Warum sollte eine neue Technologie nicht zuerst bei einem Hidden Champion am Niederrhein eingesetzt werden? Das würde dem Unternehmen Wettbewerbsvorteile sichern.

Quelle: IHK Magazin Dezember 2016

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